Kann der Sport unterstützend auf
allgemeine Bewältigungsbemühungen
in der Jugendphase wirken ?
 
 
 
SS '95
Seminar : Streß,Sport und Bewältigung
Daniel Holstein
Matr.Nr. : 1116005

Übersicht :

1) Einleitung
2) Einführung in die Problematik
a) Entwicklungsaufgaben
b) Belastung durch Alltagsprobleme
c) gelungene Sozialisation und Präzisierung der zentralen Fragestellung
3) Vertauen in die eigene Kompetenz durch Sport und daraus resultierende generalisierte Kontrollüberzeugungen
a) Erhöhung der Anstrengungsbereitschaft
b) Verminderung von Streß
4) Einfluß von Sport auf das emotionale Grundwohlbefinden
a) aktuelles Wohlbefinden
b) habituelles Wohlbefinden
c) Wohlbefinden unterstützt Bewältigungsbemühungen
5) Allgemeine Aktiviertheit durch Sport
6) Schluß
7) Literaturliste

1) Einleitung

Der Titel dieser Arbeit ist zugleich zentrale Fragestellung : Inwiefern kann sportliche Betätigung positiven Einfluß nehmen auf die Bewältigungsbemühungen im Jugendalter. In Kapitel 2 erfolgt dazu eine Einführung in die Grundproblematik. Wie stark sind Jugendliche in der heutigen Zeit psychosozial belastet, und es werden drei Eigenschaften herausgearbeitet die bei der Entwicklung förderlich sein können. Anhand dieser drei Eigenschaften bzw. Zustände wird in den folgenden Kapitel aufgezeigt, in welcher Weise Sport auf sie einwirken kann. Kapitel drei beschäftigt sich dabei mit Kompetenzerfahrungen und daraus resultierenden Kontrollüberzeugungen, die im Zusammenhang mit der Anstrengungsbereitschaft und der Streßentstehung wichtig sind. Dieses Kapitel leidet ein bißchen darunter, daß kein umfassende Selbstbildtheorie auffindbar war und somit der diskutierte Selbstwert bezuglos 'in der Luft hängt'.

Inwieweit sportliche Tätigkeit kurzfristige Launen und die Grundgestimmtheit beeinflussen kann, ist Thema von Kapitel vier. Es wird nach Wirkungszusammenhängen gefragt, die anschließend genauer betrachtet werden. Leider reichte hier die Zeit nicht mehr aus, um differenzierter auf die Folgen von Flow-Erlebnissen einzugehen. Sie bilden meiner Meinung nach das größte Potential, Jugendliche in ihrer Entwicklung zu unterstützen, weil eine Wirkung direkt auf das sich gegenseitig beeinflussende Dreiergespann von Glück, Sinn und Selbstverwirklichung besteht, welches das beste Ausgangsniveau für aktive Bewältigung ist. Versäumt wurde auch nach der unterschiedlichen Wirkungsweise der verschiedenen Sportarten zu fragen.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Weise das Sporttreiben auf die Aktivierung des Organismuses wirkt. Hier werden in erster Linie physiologische Antworten gegeben

Im Schlußteil folgt, nach einer zusammenfassenden Bewertung der zentralen Fragestellung, die Befassung mit der Frage : 'Warum sollten wir uns eigentlich für die Bewältigungsbemühungen von Heranwachsenden interessieren' und ein paar abschließende Gedanken.

Auffällig, im Gegensatz zu anderen bearbeiteten Hausarbeiten von mir war, daß es zu einer These mindestens zwei unterschiedliche Meinungen gab, die häufig auch noch empirisch unterlegt waren. In diesen Fällen war es schwierig für mich qualifiziert Stellung zu nehmen

2) Einführung in die Problematik

Die Jugend ist eine Lebensphase in der besonders viele und 'dramatische' Veränderungen vonstatten gehen, neben den für den Rest der Bevölkerung auch zutreffenden kritischen Lebensereignissen, wie Tod eines Angehörigen, Rollenkonflikte, Ortswechsel etc.. Es gibt viele große Entwicklungsaufgaben ( a ) und vielfältige Alltagsprobleme ( b )wirken auf die Heranwachsenden.

a) Entwicklungsaufgaben

Entwicklungsaufgaben bezeichnen allgemein Anforderungen, die spezifisch für bestimmte Lebensphasen sind und in voraussichtlicher Reihenfolge stattfinden. Sie sind als Teil des Sozialisationsprozesses zu verstehen und als Integrationsaufgaben mit dem mehrheitlichen Wunsch der Erfüllung. Kulturhistorisch sind die meisten von ihnen gewachsen und somit von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich.

Spezifische Entwicklungsaufgaben des Jugendalters sind nach Havighurst ( 1972 ) :

- Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung und effektive Nutzung des eigenen Körpers
- Erwerb der männlichen und weiblichen Rolle
- Erwerb neuer und reiferer Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts
- Gewinnung emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderer Erwachsener
- Vorbereitung auf die berufliche Tätigkeit
- Gewinnung eines sozial verantwortungsvollen Verhaltens
- Aufbau eines Wertesystems und eines ethischen Bewußtseins als Richtschnur für das eigene Handeln

b) Belastung durch Alltagsprobleme

In den letzten drei Jahrzenten ist die psychische Belastung der Heranwachsenden neben den Entwicklungsaufgaben immer stärker gewachsen. Folgende Gründe spielen dabei unter gewissen Konstellationen eine Rolle :

- soziale Netzwerke, wie Familien und Verwandtschaftsverhältnisse, die dem Einzelnen

bisher Rückhalt gegeben haben, sind immer mehr am bröckeln. Immer mehr Kinder und Jugendliche wachsen nur noch mit einem Elternteil auf, der häufig noch berufstätig ist

- schulische Qualifikationen werden immer wichtiger, wegen des schrumpfenden Arbeitsmarktes und höherer Anforderungen
- gestiegene ökologische Belastung und Bedrohung
- immer mehr Kinder wachsen in der BRD in Armut auf
- Zukunftsperspektiven und die Erfüllung zukünftiger Statuserwartungen sind unsicherer geworden
- größere Entscheidungsfreiheit bei gleichzeitigem Entscheidungsdruck

Das Aufwachsen in der BRD und in anderen hochindustrialisierten Ländern ist im psychischen Bereich scheinbar für viele schwerer geworden, obwohl man eher das Gegenteil vermutet hätte. So wurde z.B im Rahmen einer Jugendsportstudie NRW ( KURZ u.a.,1996,326 ) bei einer Befragung von ca. 2000 Jugendlichen festgestellt, daß :

"- die psychosoziale Belastung Jugendlicher quantitativ groß ist; etwa 52% schleppen mindestens ein großes Problem im täglichen Gepäck mit sich, immerhin 9% der Befragten nennen hier drei und mehr große Probleme

- 23% der Heranwachsenden leiden häufig unter mindestens zwei psychosomatischen Beschwerden, am häufigsten unter Nervosität, Unruhe und Kopfschmerzen, es folgen starke vegetative Beschwerden u.a. solche des Magen-Darm-Systems

- 28% der Jugendlichen führen bereits einen gesundheitlich riskanten Lebensstil, indem sie regelmäßig Zigaretten rauchen und Alkoholika konsumieren "

c) Gelungene Sozialisation und Präzisierung der zentralen Fragestellung

Die Jugendphase stellt heute eine große Herausforderung für viele Heranwachsende dar, auf dem Weg zu einer gelungenen Sozialisation. Sozialisation soll in diesem Zusammenhang einmal verstanden werden, als die (unbewußte) Übernahme von Rollen, Werten und Normen, damit Handlungsfähigkeit in einer Gesellschaft realisiert werden kann ( Vergesellschaftung ). Darüberhinaus aber auch die aktive Auseinandersetzung und (Nicht-)Aneignung von Umweltanforderungen und deren Beeinflussung ( Individuation ). " Sozialisation vollzieht sich demnach an der Nahtstelle von äußerer Realität [ gesellschaftliche Repräsentanz ] und innerer Realität [ physiologische/psychologische Repräsentanz ]. " ( Hurrelmann,1993 )

Demnach wird von einer gelungenen Sozialisation gesprochen, " wenn in jeder Lebenssituation und in jeder aktuellen Handlungssituation ein Arrangement mit den Bedingungen der äußeren Realität möglich ist, das im Einklang mit den persönlichen Bedürfnissen und Interessen eines Menschen steht. " ( Hurrelmann,1993,159 ), sowie die Herausbildung einer starken Identität.

"Von Identität soll gesprochen werden, wenn ein Mensch über verschiedene Handlungssituationen und über unterschiedliche lebensgeschichtliche Phasen hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens auf der Grundlage eines bewußt verfügbaren Selbstbildes wahrt. " ( Hurrelmann,1993,169 )

Das Selbstbild ist die Vorstellung des Menschen über sich selber, die Antwort auf die Frage : Wie bin ich. Oft wird in diesem Zusammenhang auch vom Selbstkonzept gesprochen.

In der Kontinuität wird dann von Identität gesprochen, die umso stärker und stabiler ist, wenn z.B. Rollenkonflikte gering sind, Handlungssicherheit gegeben ist, Selbstakzeptanz und Selbstwert hoch sind.

Warum schaffen es aber nun viele Jugendliche nicht, die Anforderungen zu bewältigen die auf sie zukommen und fallen durch 'abweichendes' Verhalten auf, während andere wiederum schnell und effizient ihre Entwicklung vorantreiben ? Welche förderlichen Bedingungen und Umstände existieren für eine gelungene Sozialisation ?

Hier sind vor allen Dingen die sozialen und personalen Ressourcen einer Person zu nennen. Soziale Ressourcen sind verschiedenartige Unterstützungen aus der sozialen Umwelt und dem Netzwerk der Sozialbeziehungen, die einer Person zur Verfügung stehen oder in Belastungssituationen aktivieren kann. Also die Stärkung, der Rückhalt, die Tröstung, der Ausgleich etc. durch Menschen die einem Nahe stehen. Darauf soll aber nicht näher eingegangen werden, weil es den Rahmen dieser Hausarbeit 'sprengen' würde. Auch nicht auf bestehende, wechselseitige Beeinflussung mit den personalen Ressourcen, um die es hauptsächlich gehen wird. Dies sind u.a. Handlungskapazitäten die ein Mensch besitzt, um die Lebensrealität mit ihren Belastungen zu bewältigen, wie z.B Optimismus uns Selbstwert-gefühl. Bewältigung ist hier ein aktiver, mit Anstrengung verbundener Prozeß, den eine Person mit dem Ziel beginnt, mit einer Situation fertig zu werden, von der sie annimmt, daß sie ihre Ressourcen stark beansprucht oder überfordert. Diese Anstrengungen sollten effizient verlaufen, d.h. die 'Kosten' sollten nicht zu hoch sein im Vergleich mit deren Nutzen. Am Ende des Prozesses steht die Bewältigung mittels neuer Handlungskompetenzen die auch in der Zukunft verfügbar sind.

Wie kann nun sportliche Aktivität in diesen Entwicklungsprozess eingreifen und moderierend wirken? 'Früher' beschränkte man den Effekt des Sporttreibens hauptsächlich auf die Verbesserung der körperli012

1) Vertrauen in die eigene Kompetenz und daraus resultierende (generalisierte) Kontrollüberzeugungen
2) Positives emotionales Grundwohlbefinden
3) Allgemeine Aktiviertheit

Warum gerade diese Punkte wichtig sind und welche Rolle sie spielen wird in den folgenden Kapiteln näher erläutert.

Welchen direkten oder indirekten Beitrag kann nun der 'richtige' Sport zur Unterstützung dieser drei Bedingungen leisten, welche unabdingbar sind für die Bewältigungsanstrengungen einer Person.

In den folgenden drei Kapitel soll versucht werden auf diese Frage eine Antwort zu geben.

3)Vertrauen in die eigene Kompetenz durch Sport und daraus resultierende generalisierte Kontrollüberzeugungen

Sport ermöglicht im Gegensatz zur sonstigen Lebenswelt von Heranwachsenden eine Vielfalt an Erfolgs- und Bestätigungserfahrungen. Zum einen sind Erfolge beim Sport meistens sehr eindeutig und an bestimmte Gütekriterien gebunden. Entweder habe ich das Tor getroffen oder nicht, wohingegen es im Alltagsleben oft mehrere Lösungsmöglichkeiten gibt und eine unmittelbare Rückmeldung schwierig ist. Auch können sportbezogene Aufgaben z.B. im Sportunterricht je nach Alter in ihrem Schwierigkeitsgrad beeinflußt werden, womit die Inszenierung von Erfolgserlebnissen vor allen Dingen für Jüngere leichter ist.

Kompetenzerfahrungen im Sport sind auch besonders prestigekräftig und anerkannter als z.B. die Leistung im Erdkundeunterricht, weil das Ansehen körperlicher Leistungsfähigkeit und das mediale Interesse groß ist.

a) Erhöhung der Anstrengungsbereitschaft

Dieses Erleben der körperlichen Selbstwirksamkeit führt zu einer Verbesserung des allgemeinen Selbstwertgefühles. Der Selbstwert ist ein übergeordnetes Konstrukt, welches sich zusammensetzt aus den Meinungen über die verschiedenen Fähigkeiten einer Person, wie z.B. intellektuelle, soziale und auch motorische Leistungen. Es wird unterstellt, daß die Transferleistung eines positiven Körperselbstkonzeptes durch sportlichen Erfolg sehr groß auf den Selbstwert ist (SONSTROEM,1984 ).

Aus diesem mehr oder weniger an Selbstwert erwachsen dann die sogenannten generalisierten Kontrollüberzeugungen, welche Einstellungen zur allgemeinen Wirksamkeit einer Person sind. Erlebte ein Mensch seine Handlungskompetenzen in der Vergangenheit als absolut unzureichend, wird er bei auftretenden Problemen eher mit Resignation und Hilflosigkeit 'antworten', als mit aktiver Auseinandersetzung. Deswegen ist " ein Sockelwert an internaler Kontrollüberzeugung ... als Vorraussetzung für Bewältigungsversuche negativer Lebensumstände anzusehen. " ( MAYRING,1987,147 )

Je größer also eine Person seine Erfolgswahrscheinlichkeit aufgrund der vergangenen Erfahrungen einschätzt, desto höher wird auch seine Motivation zum problemlösenden Handeln sein. Auch haben Kontrollüberzeugungen starken Einfluß auf die Reduktion von Schmerzempfindungen, die Beeinflussung des protektiven Gesundheitsverhaltens, als auch auf verschiedene Aspekte des körperlichen und psychischen(habituellen) Wohlbefindens - was sich alles mehr oder weniger positiv auf Bewältigungsbemühungen auswirkt. Fehlende Kontrollüberzeugungen korrelieren dagegen stark mit angstbezogenen psychischen Störungen ( SCHLICHT,1994,82 ).

Wie groß jetzt nun die Transferleistungen des aktiven Sporttreiben sind, ist schwer zu sagen und hängt natürlich auch von Dauer und Bedeutung der Erfolge ab. Viele Publikationen, wie z.B. GABLER ( 1981 ) und SACK ( 1980 ) sprechen von einem leichten positiven Effekt auf die Zufriedenheit mit sich selbst und der Erfolgszuversicht, wobei die Frage wieder

auftaucht : Hat der Sport in diese Richtung sozialisiert oder treiben generell mehr Menschen mit einem positiveren Selbstkonzept Sport ?

b) Verminderung von Streß

Regelmäßiges Sporttreiben, so die Ausgangshypothese, stärkt die Kontrollüberzeugungen einer Person und wirkt sich somit streßmindernd aus. Streß soll hier u.a., als das Ergebnis einer erlebten Diskrepanz zwischen eigenen Handlungskompetenzen und Handlungsanforderungen betrachtet werden, die als 'Ich-Bedeutsam' interpretiert werden.

'Ich-Bedeutsam' insofern als sie in stärkerer Beziehung zum Selbstwert stehen. Darüberhinaus gibt es noch andere streßauslösende Mechanismen, wie z.B. der mißglückte Versuch Handlungssicherheit wiederherzustellen, Auseinanderklaffung von Lebenszielen und Realität etc. - dies aber nur am Rande.

Ob eine (objektive) Belastung auch als solche 'akzeptiert' wird, hängt von den subjektiven Beurteilungsprozessen der jeweiligen Person ab. Bevor der Streßreiz also zum Streß wird muß er vorher in seiner Bedeutsamkeit überprüft werden. Interessant ist hierbei der interne Vergleich zwischen Handlungskompetenzen und den objektiven Belastungsanforderungen. Hat die Person eine optimistische Einstellung aufgrund ihrer generalisierten Kontrollüberzeugungen, wie z.B. " Ich werde es schon schaffen ", fällt die Streßbelastung geringer aus bzw. tritt erst garnicht auf.

Diese Streßminderung ist insofern wichtig, weil Streß stark bewältigungshemmend wirkt.

" Streßhaltige Transaktionen ... beinhalten somit zwangsläufig sowohl die Veränderung des gelingenden Zusammenspiels von Subjekt und Umwelt, als auch die Gefahr des Scheiterns der Anpassungsvorgänge. " ( SCHWARZER,1981,9 )

Das subjektive Kontrollüberzeugungen die Streßanfälligkeit senken, darf als gesichert angesehen werden ( CREWS/LANDERS 1987 ). Welche Rolle der Sport aber bei der Ausbildung der generalisierten Überzeugungen spielen kann ist fraglich. Für die überwiegende Anzahl breitensportlich aktiver SportlerInnen dürfte die Selbstwertrelevanz eine eher geringere Auswirkung auf alltägliche Anforderungen in Beruf und Sozialleben haben. Bei LeistungssportlerInnen sind laut SCHLICHT ( 1994,28 ) noch keine aussagekräftige empirische Untersuchungen vorhanden.

In der Jugendsportstudie NRW ( KURZ u.a.,1996,330 ) wird festgestellt, daß regelmäßig Sport Treibende weniger Streßsymptome, als auch psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen oder Schlafstörungen zeigen, " aber aus diesen schwachen Unterschieden keine praktischen Konsequenzen abgeleitet werden können."

4) Einfluß von Sport auf das emotionale Grund-wohlbefinden

Was kann man unter psychischem Wohlbefinden verstehen ? Allgemein werden mit diesem Konstrukt Zustände und Stimmungen verbunden wie z.B. :

-> Freiheit von subjektiver Belastung, also die Balance zwischen negativen und positiven Befinden
-> das Erleben von kurzfristigen, situationsabhängigen Gefühlen wie Freude
-> Zufriedenheit mit eigener Lebensführung
-> Glück ( vgl. ABELE/BREHM,1987,53 )

Aus dieser kleinen Auflistung ist schon zu erkennen, daß es einmal ein aktuelles, wie auch ein habituelles Wohlbefinden gibt.

a) Einfluß von Sport auf das aktuelle Wohlbefinden

Aktuelles Wohlbefinden bezieht sich auf eine kurzfristige, zeitlich begrenzte positive Stimmung die situationsabhängig ist. Sie ist geprägt durch positive Gefühle und körperliche Empfindungen, sowie das Fehlen von Beschwerden. Relativ unbestritten ist heute, daß sportliche Aktivität diesen Zustand erzeugen und beeinflussen kann. Beispielhaft ist dafür eine Studie von ABELE/BREHM aus dem Jahre 1986. Sie wurde zwar nicht ausschließlich an Jugendlichen durchgeführt, ist aber in der Tendenz aussagekräftig für diese Hausarbeit.

400 Probanden aus den unterschiedlichsten Sportarten wurden jeweils vor und nach der sportlichen Aktivität an drei verschiedenen Terminen zu ihrer Befindlichkeit interviewt.

Die Ergebnisse waren recht eindeutig. 'Das -Sich-Wohlfühlen'-Phänomen äußerte sich besonders hinsichtlich der Aspekte "Ruhe","gehobene Stimmung" und "Aktiviertheit". Die Sport Treibenden fühlten sich vielfach nach dem Sport jeweils ausgeglichener, unternehmungslustiger und zuversichtlicher als vorher. Diese Befindlichkeitsverbesserungen traten bei ca. 75% der Versuchsteilnehmer auf, 10% erlebten keine Veränderungen und etwa 15% erlebten leichte Verschlechterungen ihrer Befindlichkeit. Klar spielen in diese Ergebnisse auch soziale Ursachen mit hinein, aber der gleiche Effekt ließ sich auch bei Individualsportlern messen.

Warum kann sich sportliches Engagement nun positiv auf das aktuelle Wohlbefinden auswirken? Wo liegen die Wirkungszusammenhänge ?

Im folgenden beschränke ich mich auf einige wenige spezifische Erklärungsansätze, die unmittelbar mit dem Sporttreiben zusammenhängen. Generalisierte Kontrollüberzeugungen fallen auch darunter, sie wurden aber schon ein Kapitel zuvor behandelt.

I) Endorphinhypothese

Diese These besagt, daß bei sportlicher Ausdauerbelastung der Körper opiumähnliche, also 'berauschende' Stoffe produziert die zu Stimmungsverbesserungen führen ( z.B. Runners High).. Es ist aber davon auszugehen, daß dieser Ausschüttungsprozess erst ab einer gewissen Belastungsintensität und Dauer anfängt und somit keinen großen Einfluß auf Freizeit- und Breitensportler hat ( SCHLICHT,1995,72 ).

II) Ablenkungshypothese

Sporttreiben kann zu einer kurzfristigen Reduktion von Spannungs- und Streßzuständen führen. Die Aufmerksamkeitskapazität, welche begrenzt ist, wird durch die Konzentration auf das sportliche Handeln in Anspruch genommen. Es kommt zu einer Verdrängung der negativen Emotionen, welche umso größer ist, je schwieriger, schneller und risikointensiver die sportliche Tätigkeit ist.

III) Meditative Bewußtseinszustände

Hier ist vor allen Dingen der Flow-Zustand zu erwähnen, der durch den amerikanischen Verhaltensforscher CSIKSZENTMIALYI ( 1992 ) geprägt wurde. Der Flow ist ein Erlebnisphänomen der als 'Beiprodukt' von bestimmten Tätigkeiten auftritt und oft als einer der schönsten menschlichen Glückseligkeitsmomente bezeichnet wird. Flow-Tätigkeiten sind autothelisch und zeichnen sich durch eine intrinsische Motivation, sowie die Abwesenheit von Angst und Langeweile aus.. Die Anforderungen sind nicht zu schwierig, aber auch nicht zu leicht. Die Umwelt wird kaum noch wahrgenommen, weil fast die komplette Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit gerichtet ist. Das besondere dabei ist, daß das diesbezügliche Handeln fast automatisch passiert ohne bewußtes Nachdenken und Selbstreflexion. SCHLESKE ( 1988,175 ) bezeichnet diesen Zustand auch als Verschmelzung von Handlung und Bewußtsein.

Zusammengefaßt kann man sagen, daß 'automatische' physiologische Reaktionen wie sie die Endorphinhypothese nahelegt, nicht ausreichen um die Beeinflussung des aktuellen Wohlbefindens durch Sport zu erklären. Demnach ist die Befindlichkeitsverbesserung als psychophysiologisches Gesamtphänomen zu betrachten, wo es in erster Linie nicht darauf ankommt was gemacht wird, sondern hauptsächlich wie und warum ( Motivation ) die sportliche Praxis gestaltet wird.

b) Einfluß von Sport auf das habituelle Wohlbefinden

Mit habituellem Wohlbefinden ist die Grundgestimmtheit einer Person gemeint, die relative stabil ist über längere Zeit. So gibt es z.B. Untersuchungen die aufzeigen, daß viele Lottogewinner nach ihrem Gewinn, wie auch Menschen die durch einen Unfall teilweise Querschnittsgelähmt wurden, nach einiger Zeit zu ihrer alten positiven oder negativen Grungestimmtheit zurückgekehrt sind ( BRICKMANN,1987 ). " Das habituelle Wohlbefinden kann als eine Art motivationale Dauertönung verstanden werden, die den Hintergrund für das aktuelle erleben abgibt." ( ABELE/BREHM,1987,283 )

Die These die im Zusammenhang mit Sport und habituellen Wohlbefinden ( HW ) hauptsächlich diskutiert wird, kann folgendermaßen umschrieben werden :

- Sportliches Handeln hat einen starken Einfluß auf das aktuelle Wohlbefinden. Dieses kurzfristig erlebte 'Sich-Wohlfühlen' kann durch Anhäufung, also regelmäßiges Sporttreiben, zu einer Verbesserung des HWs führen bzw, zu seiner Stabilisierung beitragen.

Die Forschungsergebnisse und Aussagen zu dieser These sind sehr wiedersprüchlich.

" In neun von vierzehn einschlägigen Studien werden positive Veränderungen der Grund-gestimmtheit [durch Sport], zumindestens in einigen der untersuchten Bereiche berichtet." Die restlichen Studien erbrachten keine Veränderungen, sie fielen jedoch oft durch "einfallslose Fitnessprogramme" auf. Deswegen ist für ABELE/BREHM ( 1987,275 ) klar, daß " die überwiegend positiven Befunde zu längerfristigen psychischen Effekten des Sporttreibens als weitgehend valide betrachtet werden..." können.

Ganz anders SCHLICHT ( 1995,77 ). Er sieht den generellen Zusammenhang von Sporttreiben und der Beeinflussung des habituellen Wohlbefindens nicht als zweifelsfrei bewiesen an. Einmal aufgrund der methodischen Mängel in den bisherigen Untersuchungen zu diesem Thema und auch seiner eigenen Meta-Analyse aus dem Jahre 1994. Dort konnten auf der Basis von 39 Studien mit nahezu 9000 Probanden kein genereller Effekt der sportlichen Betätigung auf zutreffende Variabeln der psychischen Gesundheit festgestellt werden.

Wer hat nun recht ? Wahrscheinlich beide. Wie schon im Teil a) dieses Kapitels ausgeführt wurde, hängt die Beeinflussung des aktuellen Wohlbefindens stark mit dem wie und warum Sport getrieben wird zusammen, so daß man nicht generell, aber doch spezifische Beeinflussungen vermuten kann, z.B. im Bereich der meditativen Bewußtseinszustände. So berichtet z.B. CSIKSZENTMILHALYI ( 1985 ) von einer Untersuchung, daß Versuchspersonen, die angewiesen wurden (Mikro-)Flow-Erlebnisse zu meiden, verstärkt von Müdigkeit, Unausgeglichenheit und einem Nachlassen ihrer Leistungsmotivation berichtet haben. (Mikro-)Flow-Erlebnisse scheinen eine große Rolle bei dem Konstrukt der psychischen Gesundheit zu spielen, unter welches auch das Wohlbefinden fällt. SCHLESKE ( 1988,175 ) sieht dieses ähnlich : " Um auf Dauer unsere vitalen körperlichen und geistigen Kräfte und positiven Lebensenergien voll zu entfalten, um selbstsicher, umsichtig, kontrolliert und rational zu handeln zu können, brauchen wir regelmäßig Gelegenheiten zum Verlassen der rationalen Bewußtseinsebene und die Chance in einem nicht rationalen Kernbereich und Kraftzentrum unserer Person zu verweilen. Der Mangel an solchen Freiräumen und ein einseitiges Überwiegen von kritisch kontrollierter Ich-Steuerung bewirken offenbar geistig-seelische Gleichgewichtsstörungen. "

c) Wohlbefinden unterstützt Bewältigungsbemühungen

Es wurde bis jetzt immer nach dem Einfluß von Sport auf das Wohlbefinden gefragt ohne darauf einzugehen welcher Zusammenhang zwischen Wohlbefinden und Bewältigungsbe-mühungen besteht. Gesicherte Erkenntnisse gibt es auch nicht zu diesem Komplex (SCHLICHT,1994,88 ). Einige Studien und Annahmen lassen aber einen Zusammenhang vermuten ( vgl. ABELE/BREHM 1987 ) :

-> Wohlbefinden ist auch definiert als Abwesenheit von psychischer Belastung. Infolgedessen steht mehr Aufmerksamkeitskapazität zur Lösung von auftretenden Problemen zur Verfügung und es kommt nicht so schnell zu Überforderungen
-> Wohlbefinden scheint einen nachhaltigen Einfluß auf die Anstrengungsbereitschaft einer Person zu haben. Eine größere Handlungsmotivation aufgrund optimistischer Einschätzungen und die Persistenz sind größer als bei vergleichbaren Kontrollgruppen
-> Wohlbefinden kann sich stark positiv auf das (kreative) Problemlösen und die intellektuelle Leistungsfähigkeit auswirken, während bei Menschen mit negativer Befindlichkeit ein leichter Leistungsrückgang zu beobachten ist.

5) Allgemeine Aktiviertheit durch Sport

Sportliches Handeln kann so inszeniert werden, daß der Sport Treibende sich hinterher subjektiv aktivierter fühlt und dieses auch auf andere Bereiche des Alltagshandelns übertragen kann. Wie bereits schon vorher erwähnt, berichteten viele Probanden aus der ABELE/BREHM ( 1986 ) Studie von "Ruhe","gehobener Stimmung" und "Aktiviertheit". Dafür gibt es eine Reihe von physiologischen Erklärungen, die auch z.T. für die Verbesserung der Befindlichkeit zuständig sind ( vgl. ABELE/BREHM 1987 ) :

-> Das adrenocorticotrophe Hormon ( ACTH ) wird vermehrt bei körperlicher Belastung produziert. Infolgedessen steigt die Konzentrationsfähigkeit entweder durch die Erhöhung der sensorischen Schwellen oder der Wahrnehmungsgeschwindigkeit
-> "Adrenalin und sein Synergist Noradrenalin initiieren komplexe physiologische Reaktionen, die letztendlich einer erhöhten Leistungsbereitschaft bzw. optimalen Energiebereitstellung dienen." Noradrenalin wird aber erst bedeutsam mehr produziert ab einer höheren Belastungsintensität und Dauer, wobei Adrenalin eher im Zusammenhang mit psychischer Anforderung ausgeschüttet wird. Gleichzeitig steigt bei sportlicher Betätigung auch die Bindungsbereitschaft der Rezeptoren für diese Katecholamine zwischen 5-30%. Dies ist wichtig, weil es nur zu einem chemischen Prozess in der Zelle kommt, wenn sich Rezeptoren und Hormone/Neurotransmitter 'treffen'
-> Erhöhung der Gehirndurchblutung
-> Die Verminderung von Betaadrenorezeptoren führt zu einer Beruhigung und Entspannung des Körpers und der Psyche

Richtiges Sporttreiben kann noch über sich selbst hinaus zu einem Zustand der gelösten Aktiviertheit führen. Förderlich ist dies auf jeden Fall für akute Bewältigungsbemühungen, weil Steigerung der Leistungs und Konzentrationsfähigkeit, bei gleichzeitiger Entspannung

sich positiv auswirken.

6) Schluß

Kann Sport die Bewältigungsbemühungen von Jugendlichen unterstützen ? - Zusammen-fassend ergibt sich kein genereller Transfereffekt, doch lassen sich Verbindungen in einigen Aspekten nicht leugnen. So kann Sport auf jeden Fall ressourcenschützend ( Moderatoreffekt) wirken, indem er zu einer Verbesserung der aktuellen Stimmung und der allgemeinen Aktiviertheit beiträgt. Kurzfristige Entlastung und Regeneration wird dadurch ermöglicht.

Die unterstellte Ressourcenstärkung ( Mediatoreffekt ) im personalen Bereich, durch regelmäßiges Sporttreiben, ist nach Durchsicht von viel Literatur für mich nicht hinreichend bestätigt worden, obwohl die theoretischen Begründungen durchaus überzeugend sind. Für sehr wahrscheinlich halte ich aber starke Transfereffekte in Sportarten, die sich durch eine hohe Dichte an möglichen Flow-Erlebnissen auszeichnen und Personen die dieses nutzen können ( CSIKSZENTMIHALYI,1992,122f ). Hier hätte man besser nachhaken müssen, um Wirkungszusammenhänge deutlicher zu machen.

Wahrscheinlich ist der Sport im Verein effektiver, wenn es um die Unterstützung im Jugendalter geht, doch sollte man nicht die Möglichkeiten des Sportunterrichtes vergessen, wenn es um den Faktor Spaß geht oder das Interesse wecken für spezielles, intensiveres Sportreiben. Auf jeden Fall ist der Zusammenhang 'Streß-Sport-Bewältigung' ein starker Legimitationsgrund für den Schulsport, wenn er denn richtig betrieben wird. Spiele mit deutlichen Verlierern und Konkurrenzsituationen sollten die Ausnahme sein; auch Ziffernnoten

lassen sich nur schwer begründen in diesem Zusammenhang.

Die Zahlen über die psychosoziale Belastung im Jugendalter aus Kapitel 2 stimmen bedenklich. Eigentlich sollte doch jeder Mensch mindestens das Recht auf Wohlbefinden und eine gelungene Sozialisation haben, wenn man berücksichtigt, daß ein erheblicher Teil der Wirkungen durch schon existierende gesellschaftliche Strukturen( Vergesellschaftung ) bedingt ist. Interessant wäre auch die Frage, ob sich diese psychische Belastung mit dem Grundgesetz vereinbaren läßt, wonach die Würde des Menschen unantastbar ist, wie auch seine Unversehrtheit.

Bedeutsam ist die immer stärker steigende psychosoziale Belastung von Jugendlichen auch unter dem Aspekt Zukunft. Sie wird mit großer Wahrscheinlichkeit krisenhafte Züge besitzen in puncto abnehmende Lebensqualität und Ausdünnung der sozialen Sicherungssysteme, u.a. aufgrund der Staatsschulden und der demographischen Entwicklung. Größere und heftige Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen werden in naher Zukunft zur Regel. Dann wird sich, überspitzt formuliert, die Zukunft unseres demokratischen Systems entscheiden, weil die Geschichte viel Beispiele aufzeigt, wie 'nicht gefestigte' Menschen in Krisensituationen reagieren. Und genau darin liegt die Herausforderung für die Schule in den nächsten Jahren, nämlich den Heranwachsenden, wie es bereits in den Richtlinien NRW (1982) gefordert ist : "Hilfen zur Selbstverwirklichung" zu geben. Dabei muß sich jedes Fach einzeln fragen und natürlich auch die Gesamtinstitution Schule, die ja selber einer der größten Stressoren ist, welchen Beitrag sie dazu leisten können.

7) Literaturliste

ABELE/BREHM (1987) : Wohlbefinden , Berlin

ABELE/BREHM (1989) : Sport zum "Sich-Wohlfühlen" als Beitrag zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben In : Brettschneider (HG) : Sport im Alltag von Jugendlichen , Hamburg

BRICKMANN (1987) : Is happiness relative ? In : Journal of Personality and Social Psychology,36,917-927

BRINKHOFF (1996) : Sportliches Engagement und soziale Unterstützung im Jugendalter , Seminartext

CREWS/LANDERS (1987) : A meta-analytical reiew of aerobic fitness and reactivity to psychosocial stressors

In : Medical Science and Sports Exercise , 19, 114-120

CSIKSZENTMIHALYI (1985) : Das Flow-Erlebnis , Stuttgart

CSIKSZENTMIHALYI (1992) : Flow- Das Geheimnis des Glücks, Stuttgart

ENGEL/HURRELMANN (1989) : Die psychosoziale Belastung im Jugendalter , Berlin

GABLER (1980) : Leistungsmotivation im Hochleistungssport , Schorndorf

HAVIGHURST (1972) : Society and Education , Boston

HURRELMANN (1993) : Einführung in die Sozialisationstheorie , Weinheim

KURZ u.a. (1996) : Kindheit,Jugend und Sport , Düsseldorf

MAYRING (1988) : Kontrollüberzeugungen In : Brüderl : Theorien und Methoden der Bewältigungs forschung , Weinheim

SACK (1980) : Zur Psychologie jugendlicher Leistungssportler , Schorndorf

SCHLICHT (1994) : Sport und Primarprävention , Schorndorf

SCHLICHT (1995) : Wohlbefinden und Gesundheit durch Sport , Schorndorf

SCHLESKE (1988) : Meditatives Laufen , Stuttgart

SCHWARZER (1981) : Streß, Angst und Hilflosigkeit , Stuttgard

SONSTROEM (1984) : Exercise and Self-Esteem

In: Exercise and Sport Science Reviews 12, 123-155